Female Leadership: Warum ein Kulturwandel wichtiger ist, als eine Quote

Veröffentlicht am: 4. März 2023

Autor:

Nicole Neubauer

Lesedauer:

Reading Time: 5 Minuten

Die Zustimmung vom Ehemann für ein eigenes Bankkonto seiner Frau oder die Aufnahme einer Arbeit nur mit Einverständnis des Mannes? Solche Regelungen wirken heute fast schon skurril. Dennoch ist es gerade einmal etwas mehr als 50 Jahre her, dass die letzte dieser beiden Diskriminierungen für uns Frauen aufgehoben wurde. Und glaubt man dem Gender-Gap-Report wird es wohl auch noch 132 Jahre dauern, bis wir die Gleichstellung der Geschlechter erreicht haben[1]. Auch wenn sich das für Dich erschreckend anhören mag, möchte ich Dich heute ermutigen und aufzeigen, welche konkreten Schritte Du – als Frau – trotzdem zu mehr Gleichberechtigung unternehmen kannst, warum es auch für Dich – als Mann – sinnvoll ist und wie Führungskräfte diesen Wandel beschleunigen können. Außerdem wirst du erfahren, warum es für Unternehmen sogar überlebenswichtig sein wird, für Gleichberechtigung am Arbeitsplatz zu sorgen. Zunächst aber die unschönen, harten Fakten:

  • Auch heute ist nur rund jede dritte europäische Führungskraft weiblich (in Luxemburg sogar nur jede fünfte)[2]
  • Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Lebensläufen verdienen immer noch 7% weniger als ihre männlichen Kollegen[3]
  • Frauen wenden über 50% mehr für Care-Arbeit auf als Männer[4]

Gut so, dass der Ruf nach Maßnahmen deshalb nicht leiser wird. So hat die EU erst im November eine Frauenquote für Aufsichtsräte besiegelt. Bis Ende 2026 sollen in den Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen 40% Frauen sein. Aber: Ist eine solche Quote wirklich förderlich? Melissa Di Donato, eine der führenden Top-Managerinnen und Chefin des weltweit größten Open-Source-Softwareunternehmens Suse, sieht noch eine weitere Gefahr:

„Ich glaube grundsätzlich nicht an Quoten, weil sich in der Konsequenz jeder Mann fragen wird, ob ich meine Position aufgrund einer Quote erlangt habe. Sie würden meine Kompetenzen, meine Person und meine Fähigkeiten in Frage stellen, nur weil ich eine Frau in einem Quotensystem bin.[5]

Kinder und Karriere – Warum das bisher nicht klappt

Ein großer Stolperstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung ist, davon ist auch Di Donato überzeugt, die Familiengründung. Die meisten Frauen ziehen sich ab der Geburt vom Berufsleben zurück und Männer mit ihren höheren Stundenlöhnen, vor allem im Alter von 30 bis 40 Jahren, dann an ihnen vorbei[6] – der Hauptgrund für das „Gender-Pay-Gap“. Daneben gibt es noch ein weiteres interessantes Phänomen: Gesellschaftliche Stereotype. Auch heute wird immer noch erwartet, dass sich Frauen in den ersten Jahren der Kinderbetreuung widmen. In Frankreich teilweise undenkbar – dort gibt es übrigens auch kein Wort für „Rabenmutter“.

Tatsächlich wertet die Gesellschaft Frauen ab, die nicht dem traditionellen Rollenbild entsprechen. Und das prägen nicht nur Männer, sondern auch wir Frauen. Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich, nennt dies Selbstselektion[7]: Um nicht aus der Rolle zu fallen, nehmen sich Frauen als Folge beruflich zurück. Welch hohen Preis sie zahlen, wenn sie doch mal in die Chefetage aufsteigen, zeigte 2020 die Studie „All the Single Ladies: Job Promotions and the Durability of Marriage“[8]: Olle Folke und Johanna Rickne untersuchten hier, wie sich Beziehungen entwickeln, wenn Frauen aufsteigen. Das Resultat: Weibliche Führungspersonen sind drei Jahre nach ihrer Beförderung mehr als doppelt so häufig geschieden, wie ihre männlichen Kollegen.

Daraus ergeben sich für uns alle – Frauen wie Männer – ganz klare To-Dos, die wir selbst in der Hand haben:

1. Löse Dich von alten, eingetrichterten Klischees: Frauen in Führungspositionen sind auch gute Partnerinnen, Ehefrauen und Mütter. Männer- und Frauenberufe gibt es nur in Deinem Kopf: In arabischen Ländern, wo es um die Rechte der Frau weit weniger gut bestellt ist, entscheiden sich an Universitäten beispielsweise heute schon mehr Frauen für MINT-Studiengänge als Männer.

2. Fordere mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort ein: Nur so bekommt man Familie und Beruf unter einen Hut.

3. Tariere Care-Arbeit neu aus: Gender-Equality betrifft auch den Haushalt und die Kindererziehung. Die gute Nachricht: Männer ziehen mit. Eine Studie der Fachhochschule Kiel und der TU Braunschweig[9] kommt zu dem Ergebnis, dass Männer ihre aktive Vaterschaft mehr ausleben möchten.

4. Suche nach Rückkehrprogrammen und Mentorings: Viele große Konzerne bieten Wiedereinstiegsprogramme für Frauen an, die sich längere Zeit um die Familie gekümmert haben. Auch vor dem Hintergrund eines deutlich längeren Berufslebens, kann eine persönliche Standortbeschreibung sinnvoll sein – eine Art Midlife Rethink, um ein zweites Mal durchzustarten.

Dass sich dieser Kulturwandel für Unternehmen auszahlt, zeigen zahlreiche Untersuchungen: In der Prognos-Väterstudie[10] gaben 40% der Befragten an, über einen Jobwechsel nachzudenken, um Beruf und Familie besser vereinen zu können – bei den unter 35-Jährigen liegt dieser Anteil sogar bei 54%. Ein Brain Drain, der verhindert werden kann. Zudem entwickeln sich Firmen mit einem höheren Frauenanteil in Führungspositionen wirtschaftlich besser als andere und auch ihre Aktienkurse zeigen eine bessere Performance[11].

Fazit: Quoten und Gendersternchen alleine schaffen noch keine Veränderung. Sich auf den Staat und den „Goodwill“ der Unternehmen zu verlassen, reicht nicht aus. Wir müssen selbst aktiver werden und die Gleichberechtigung in den Führungsetagen und auf dem Gehaltsscheck einfordern. Das gilt auch für Männer: Ihr seid wichtige Treiber des Feminismus und profitiert sogar davon. Der Fachkräftemangel wird zudem ein sehr wirkungsvoller Katalysator sein: Nur Unternehmen, die diesen Kulturwandel mittragen, werden auch in Zukunft zufriedene Führungskräfte finden und letztlich überleben.

Mehr Infos zum Thema:

Melissa Di Donato, die seit mehr als 20 Jahren als eine der führenden Top-Managerinnen gilt, ist Protagonistin in der sehenswerten Dokumentationsreihe „naked“ des Kultursenders arte. In der Folge „Sex und Macht“ zeigen die Macher welche Rolle das Patriarchat noch immer in Familien und der beruflichen Welt spielt:

https://www.arte.tv/de/videos/091183-004-A/naked/

Ihre eigene Stiftung „Inner Wings“ unterstützt vor allem Mädchen zwischen 6 und 12 Jahren dabei, Selbstbewusstsein aufzubauen, um die Gleichstellung der Geschlechter in Führungspositionen zu erreichen:

https://innerwings.org

Das Zukunftsinstitut ist ein einflussreicher Think Tank der europäischen Trend- und Zukunftsforschung. Es sieht „Female Shift“ als einen der großen Megatrends und dass Männer in den Kampf um Gleichberechtigung mit einsteigen:

https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/warum-maenner-zentrale-treiber-des-feminismus-werden

Nur wenige Monate alt ist die bereits oben zitierte Väterstudie von Prognos: „Wie väterfreundlich ist die deutsche Wirtschaft?“ zeigt, dass Väterfreundlichkeit die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen sichert:

https://www.prognos.com/sites/default/files/2022-12/BMFSFJ_Vaeterstudie_20221129_1600.pdf


[1] Gender-Gap-Report: https://www.weforum.org/reports/global-gender-gap-report-2022/
[2] https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Arbeitsmarkt/Qualitaet-der-Arbeit/_dimension-1/08_frauen-fuehrungspositionen.html
[3] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/01/PD23_036_621.html
[4] https://www.aok.de/pk/magazin/familie/eltern/gender-care-gap-sorgearbeit-gerecht-aufteilen/
[5] https://www.nordbayern.de/wirtschaft/suse-chefin-im-interview-technologie-ist-auch-was-fur-madchen-1.11401122
[6]https://www.diw.de/de/diw_01.c.836567.de/publikationen/wochenberichte/2022_09_3/gender_pay_gap_ist_in_den_letzten_30_jahren_fast_nur_bei_juengeren_gesunken.html
[7] https://www.nzz.ch/finanzen/private-finanzen/wiedereinstiegsprogramme-fuer-frauen-ld.1709866
[8] Folke, Olle, and Johanna Rickne. „All the Single Ladies: Job Promotions and the Durability of Marriage.“ American Economic Journal: Applied Economics 12.1 (2020): 260-287
[9] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/Vaeter-Studie-Bild-vom-reinen-Ernaehrer-ist-passe,hallonds78396.html
[10] https://www.prognos.com/sites/default/files/2022-12/BMFSFJ_Vaeterstudie_20221129_1600.pdf
[11] https://www.e-helvetica.nb.admin.ch/api/download/urn%3Anbn%3Ach%3Abel-1228252%3ADis4556.pdf/Dis4556.pdf